LinguLab im Kampf gegen das schreckliche Kanzleideutsch

Viele amtliche Mitteilungen quälen ihre Leserinnen und Leser mit unübersichtlichen Schachtelsätzen, Passivkonstruktionen, zusammengesetzten Substantiven, Adjektiv- und Genitiv-Häufungen. LinguLab erkennt die meisten Mängel solcher Texte.

Das Hauptziel dieses Schreibstils scheint darin zu bestehen, die Leser möglichst lange darüber im Unklaren zu lassen, worum es eigentlich geht. Vielleicht auch, den Untertanen möglichst viel Zeit zu stehlen, damit sie nicht auf eigenständige Gedanken kommen. Diese unselige Tradition aus den staubigen Kanzleien der Fürsten wird auch in heutigen Behörden und Konzernverwaltungen eifrig gepflegt.

Eine Pressemitteilung des Schreckens

Wie gut ist LinguLab dabei, Kanzleideutsch zu erkennen? Welche konkrete Empfehlungen gibt es, wie man es vermeiden kann? Die Probe aufs Exempel liefert eine Pressemitteilung des Bundesumwelt­ministeriums vom 16. Juni 2012.
Es geht um die Energiewende. Diese Erklärung soll die Bürger dazu auffordern, sich an einem Dialog über die zukünftige Energieversorgung zu beteiligen.

Bild Jens Jürgen Korff M. A.
Werbe- und Webtexter Jens Jürgen Korff M. A.

Man nennt das hier verklausuliert einen Monitoring-Prozess. Wenn ich diesen Text in der Gattung Pressemitteilung und mit drei passenden Keywords analysieren lasse, bekommt er anderthalb Sterne - mehr als ich erwartet hatte. Lingulab deckt in seinen Empfehlungen tatsächlich die meisten Mängel des Textes auf:

  • Die Überschrift ist zu lang.
  • Es fehlen Zwischenüberschriften.
  • Es fehlen hervorgehobene Schlüsselwörter.
  • Das Wichtigste steht nicht zuerst (Lingulab sieht zum Beispiel, dass das Wort Energiewende am Anfang des Textes gar nicht vorkommt).
  • Es fehlt eine Kontaktmöglichkeit – besonders fatal bei einem Text, der die Leser zur Beteiligung auffordern soll. Auch der Link in der nach rechts herausragenden Marginalie führt den Leser, der sich am Dialog beteiligen will, nicht weiter. 

Alle drei Keywords (Energiewende, Energieversorgung, Bundesregierung) kommen zu selten im Text vor. Deshalb bleibt der Text bei einer Google-Suche „Energiewende Bundesregierung“ unsichtbar. Was das Kanzleideutsch betrifft, erkennt LinguLab

  • vier Passivkonstruktionen 
  • eine Adjektiv-Häufung
  • acht Schachtelsätze
  • neun überlange Sätze
  • 29 überlange Wörter

Monstersätze, Monsterwörter

Ich konzentriere mich hier auf die für Kanzleideutsch typischen Monstersätze und Monsterwörter.

  • Passivsätze haben aus Sicht der Leserin zwei gravierenden Nachteile gegenüber Aktivsätzen: Sie erfährt erst ganz am Ende des Satzes, was geschehen ist oder geschehen soll, und wer der Täter war oder sein wird, erfährt sie überhaupt nicht.
  • Schachtelsätze zu lesen ist deshalb so anstrengend, weil sie das Kurzzeitgedächtnis der Leser überfordern: das erste Thema des Satzes ist noch nicht abgeschlossen, wenn das zweite Thema bereits erscheint.
  • Überlange Sätze sind schwer verständlich, weil die Struktur der darin versteckten Gedanken sich beim ersten Lesen oft nicht erschließt.
  • Überlange Wörter können die Leser nicht überfliegen. Sie hemmen den Lesefluss. Meist handelt es sich um zusammengesetzte Substantive. Wenn man Tätigkeiten in Form von Substantiven ausdrückt („Begehung“ statt „begehen“; „Ausfertigung“ statt „ausfertigen“), wirkt der Satz starr und leblos, weil beim Lesen kein Bild im Kopf entsteht.

Fort mit den Ungen!

LinguLab erkennt überlange Wörter pauschal und gibt ganz allgemein die Empfehlung, kürzere Wörter zu verwenden. Das könnte man noch genauer fassen und zum Beispiel empfehlen, Substantive auf –ung durch Verben zu ersetzen. 

Also nicht zu schreiben: „unter Berücksichtigung der Stellungnahmen wird die Bundesregierung einen Bericht abfassen.“ Sondern: „die Bundesregierung wird einen Bericht abfassen, der die Stellungnahmen berücksichtigt.“ Oder: „die Bundesregierung wird die Stellungnahmen berücksichtigen, wenn sie ihren Bericht abfasst.“ Mit dieser Technik kann man fast die Hälfte der Kanzleideutsch-Formulierungen beseitigen. Es wäre ein Segen für die Leser!

Wir danken Herrn Korff für diesen Gastbeitrag!